Im Gewordensein verstehen
Wer queersensibel pflegen will, muss die Geschichte kennen, die queere Menschen geprägt hat, und wissen, was im Pflegealltag zählt.
Identität kennen und verstehen
Gute Pflege braucht mehr als Fachwissen. Es geht auch darum, wie Pflegende eingestellt sind und wie gut sie eine individuelle, positive Beziehung zu den Menschen aufbauen, die Unterstützung brauchen.
Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität sind wichtige Teile unserer Persönlichkeit. Pflege sollte diese Aspekte berücksichtigen, ähnlich wie kulturelle und religiöse Prägungen, und auf die besonderen Bedürfnisse von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen eingehen.
Erlebte oder befürchtete Diskriminierung kann dazu führen, dass sich LSBTI*-Personen aus Einrichtungen zurückziehen oder sie gar nicht erst nutzen, mit teils schwerwiegenden Folgen bei notwendiger Behandlung.
Jahrzehnte der Geschichte
Die Lebenswege älterer queerer Menschen sind von dieser Geschichte geprägt. Wer sie kennt, pflegt sensibler.
Queeres Leben unter dem NS-Regime
In den 1920er-Jahren konnten queere Identitäten in Großstädten recht offen gelebt werden, in Berlin gab es eine lebendige queere Kultur. Der Nationalsozialismus setzte dem ein jähes Ende: Der § 175 RStGB wurde verschärft, zwischen 1935 und 1945 gab es über 50.000 Verurteilungen. Tausende homosexuelle und transidente Menschen wurden in Konzentrationslager verschleppt und ermordet.
Deutschland: homophob und transphob
Paragraf 175 blieb in der von den Nationalsozialisten verschärften Form bestehen. Die DDR entschärfte ihn 1957 und schaffte ihn 1968 ab, in der Bundesrepublik galt er bis 1969. Gegen rund 100.000 Männer wurde ermittelt, 50.000 wurden verurteilt. Lesben, trans- und intergeschlechtliche Menschen blieben unsichtbar.
Durch AIDS werden Vorurteile sichtbar
Die AIDS-Epidemie führte zu weitreichenden gesellschaftlichen Vorurteilen, viele verloren Arbeit, Wohnung und soziale Kontakte. Trotz der bedrohlichen Lage entstand ein bundesweites Netzwerk von AIDS-Hilfen, getragen von zahlreichen ehrenamtlichen Helfer:innen, die Aufklärung über Diskriminierung stellten.
Zeitenwende durch die 68er-Generation
Junge Menschen wehrten sich gegen starre Moral- und Geschlechtervorstellungen. Der Aufstand im Stonewall Inn gilt als Geburtsstunde eines neuen Selbstverständnisses, gefeiert beim Christopher Street Day. 1990 strich die WHO Homosexualität von der Liste der Krankheiten.
Die Rehabilitation der Opfer des § 175
Der § 175 wurde 1994 endgültig abgeschafft. 2002 entschuldigte sich der Bundestag bei den in der NS-Zeit Verfolgten. 2017 wurden rund 64.000 Urteile der Nachkriegszeit aufgehoben und Entschädigungen zugesprochen. Lesbische Frauen erlebten soziale Ausgrenzung, fielen aber nicht unter den Paragrafen.
Ein Schritt Richtung Gleichstellung
Mit der eingetragenen Lebenspartnerschaft entstand eine der Ehe ähnliche Rechtsform, zugleich aber eine Trennung in zwei Rechtsformen. Besonders beim Kinderwunsch blieben Ungleichheiten, die viele als diskriminierend empfanden und die den Wunsch nach vollständiger Gleichstellung bestärkten.
Ein historischer Schritt zur Gleichstellung
Am 1. Oktober 2017 trat die Ehe für alle in Kraft und ermöglichte gleichgeschlechtlichen Paaren auch die gemeinsame Adoption. Eine Reform des Abstammungsrechts steht aber weiterhin aus, daher ist für Frauenpaare oft noch eine Stiefkindadoption nötig.
Selbst bestimmen, wer man ist
Das Selbstbestimmungsgesetz trat am 1. Januar 2024 in Kraft. Statt zweier psychiatrischer Gutachten reicht nun eine Erklärung beim Standesamt, um Geschlechtseintrag und Vornamen zu ändern. Ein wichtiger Schritt für trans*, inter* und nichtbinäre Menschen, in Schule, Medizin und Abstammungsrecht bleiben Hürden.
Was im Pflegealltag zählt
Diese Empfehlungen helfen, eine vertrauensvolle Umgebung zu schaffen und Vielfalt sichtbar zu machen.
Einfühlungsvermögen und Empathie
Wer gut pflegen will, setzt sich mit eigenen Werten und der eigenen Identität auseinander. Diese Selbstreflexion hilft, die eigene Sichtweise von der der pflegebedürftigen Person zu unterscheiden und einfühlsam im Sinne der Patient:innen zu handeln.
Biografiearbeit
Die persönliche Geschichte eines Menschen gibt Hinweise auf Sitten, Bräuche und Lebensrealitäten, auch in Symbolen, Büchern oder Bildern im Zimmer. Genderflexible Verhaltensweisen von LSBTI*-Personen sollten nicht missverstanden, sondern verstanden werden.
Empfehlen und Anleiten
Trans* und intergeschlechtliche Menschen finden oft schwer passende Informationen und Unterstützung. Bezieh ihr Wissen in die Pflege ein, informier dich über Hormontherapien und verwende konsequent die richtigen Pronomen, besonders bei der Intimpflege.
Familiäre Beziehungen anerkennen
Viele LSBTIQ+-Menschen haben enge Wahlfamilien. Wird die Partnerin einer lesbischen Frau nur als „Freundin“ wahrgenommen, gehen wichtige Informationen verloren. Anerkennung dieser Beziehungen ermöglicht die bestmögliche Unterstützung.
Sterben, Tod, Trauern
Für ältere LSBTIQ-Personen haben Sterben und Trauer besondere Bedeutung, viele haben die AIDS-Krise miterlebt und Freunde früh verloren. Diese Erfahrungen sind bei der Sterbebegleitung zu berücksichtigen, um einen würdevollen Abschied zu ermöglichen.
Berührung
Pflege, Untersuchungen und Berührungen können Stress und Retraumatisierung auslösen. Berührungen bewusst und einfühlsam gestalten, damit Gefühle von Abhängigkeit oder Machtlosigkeit vermieden werden und Selbstbestimmung gewahrt bleibt.
Willkommenskultur
Eine sichtbare Regenbogenfahne im Eingangsbereich steht für Akzeptanz und Respekt. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) schützt vor Diskriminierung aufgrund sexueller oder geschlechtlicher Identität und bildet die rechtliche Grundlage.
So geht es, so nicht
Standardformulare mit nur binären Geschlechtsoptionen, ohne Fragen zu Identität.
Formulare, die diverse Geschlechtsidentitäten und offene Fragen zu persönlichen Bedürfnissen einbeziehen.
Heteronormative Annahmen, z. B. automatisch nach „Ehemann“ oder „Ehefrau“ fragen.
Neutrale Sprache: „Gibt es eine Partnerin oder einen Partner in Ihrem Leben?“
Falsche Pronomen oder Namen verwenden, besonders nach einer Transition.
Aktiv nach bevorzugten Pronomen und Namen fragen und sie konsequent nutzen.
Eine als „Freundin“ vorgestellte Person nur als Freundin behandeln.
Alle Beziehungs- und Familienkonstellationen anerkennen, ohne Annahmen zu treffen.
Wie viele es betrifft
queere Menschen benötigen Pflege.
An- und Zugehörige pflegen queere Menschen.
sagen: Meine Pflegekraft weiß, dass ich queer bin. 86 % verneinen.
Quellen u. a. Statistisches Bundesamt (Pflegestatistik 2023) und Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e. V.
Pflege, die die ganze Person sieht
Wir setzen uns dafür ein, dass jede:r mit Respekt und Verständnis behandelt wird, unabhängig von sexueller Identität oder Orientierung. So schaffen wir ein Umfeld, in dem sich LSBTI*-Menschen und ihre Wahlfamilien sicher und akzeptiert fühlen.
Wahlfamilie & Zugehörige entlasten
Zugang zu queersensiblen Angeboten verringert die Sorge um eine bedarfsgerechte Versorgung und schafft Ressourcen für wertvolle gemeinsame Zeit.
Diskriminierung abbauen
Die deutschlandweite Verzeichnung von Angeboten fördert Gleichstellung, wirkt der Heteronormativität entgegen und stärkt sexuelle und geschlechtliche Vielfalt.
Pflege sicherstellen
Angst vor Diskriminierung und Scham können dazu führen, dass Pflege nicht in Anspruch genommen wird. Passende Angebote leicht zu finden, steigert Lebensqualität.
Teilhabe ermöglichen
Ältere Menschen sind oft von Isolation betroffen. Für ältere LSBTI* ist die Gefahr größer, da sie seltener Kinder haben oder weniger familiären Rückhalt erfahren.
AlleFarben Alltagshilfe
Gerade in der ambulanten Pflege findet der Alltag im Zuhause der Menschen statt, einem sehr persönlichen Raum. Viele LSBTIQ*-Personen wünschen sich Unterstützung, ohne ihre Identität verbergen zu müssen. Queersensible Dienste schaffen Sicherheit, Sichtbarkeit und Würde, dort wo Menschen leben.
Hintergrundwissen kompakt
Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um queersensible Pflege.
Frage stellen→Was bedeutet queersensible Pflege – und warum ist sie entscheidend?
Queersensible Pflege erkennt die Vielfalt menschlicher Identitäten an und berücksichtigt Geschlecht, sexuelle Orientierung und Lebensweise als Teil der Biografie und der Pflegebeziehung. Sie schafft Vertrauen, Sicherheit und Würde – keine „Sonderpflege“, sondern respektvolle, individuelle Unterstützung für alle.
Welche Handlungsempfehlungen helfen im Umgang mit trans*, inter* und nichtbinären Menschen?
Aktiv nach bevorzugten Namen und Pronomen fragen und sie konsequent verwenden. Bei medizinischen Maßnahmen, Intimpflege und Gesprächen über Körperlichkeit ist Sensibilität gefragt. Kenntnisse über Hormontherapien und eine offene Haltung schaffen Sicherheit und Vertrauen.
Warum ist die Anerkennung von Wahlfamilien so wichtig?
Viele LSBTIQ+-Personen bauen Wahlfamilien auf – enge, selbstgewählte Bezugspersonen, die zentrale Pflege- und Unterstützungsaufgaben übernehmen. Werden diese Beziehungen nicht ernst genommen, gehen wichtige Informationen und emotionale Unterstützung verloren.
Wie hat sich die Lage seit dem § 175 entwickelt?
Der § 175 stellte bis 1994 gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Strafe. Seither markieren die eingetragene Lebenspartnerschaft (2001), die Ehe für alle (2017) und das Selbstbestimmungsgesetz (2024) wichtige Fortschritte. In der Pflege bleiben Unsicherheiten, Schulung und Aufklärung sind zentral.
Wie entsteht eine diskriminierungsfreie Willkommenskultur?
Durch sichtbare Zeichen wie Regenbogenflaggen, inklusive Sprache und Schulungen, die Vielfalt berücksichtigen. Entscheidend ist das tägliche Handeln: zuhören, Respekt zeigen und sichtbar solidarisch sein. Das AGG bildet den rechtlichen Rahmen.
Wohin als Nächstes?
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